Schon Kinder werden sexuell ausgebeutet, nicht nur (wie hier im Bild) in Neu Delhi. Zwangsprostitution ist heute eine der häufigsten Formen der Sklaverei. (Foto: dpa)

 HEUTE, AM BEGINN DES 21. JAHRHUNDERTS, gibt es mehr Sklaven weltweit, als in den vergangenen Jahrhunderten aus Afrika verschleppt wurden. Schätzungen gehen von mindestens 27 Millionen Menschen aus. Das entspricht ungefähr der gemeinsamen Einwohnerzahl Baden-Württembergs, Bayerns und Hessens. Allein für Kinder und Frauen gibt die UNO die Zahl der Opfer von Menschenhandel mit jährlich vier Millionen an.
 VOR 60 JAHREN war Zwangsarbeit »normaler« Alltag in Deutschland. In jedem Dorf und auch in vielen Häusern arbeiteten Fremde, in der Regel nicht freiwillig. Doch dieser Umstand wurde damals und auch nach dem Ende des Krieges von vielen verdrängt. Heute ordnen wir das als »Geschichte« ein. So etwas gibt es doch heute nicht mehr, jedenfalls nicht bei uns. Oder?
 EINE AKTUELLE STUDIE DER UNICEF, des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen, schätzt die Zahl der in die Europäische Union verkauften Frauen und Kinder auf gegenwärtig rund 120.000. Dieselbe Studie besagt, dass neun von zehn Frauen, die heute auf dem Balkan als Prostituierte arbeiten, von Menschenhändlern dazu gezwungen werden. Im Jahr 2000 waren an deutschen Gerichten 321 Verfahren wegen Menschenhandels anhängig.
 KÖRPERLICHE GEWALT, SCHULDKNECHTSCHAFT, AUSBEUTUNG, häufig sexueller Art, und extreme Armut bestimmen auch das Leben der heute von Zwangsarbeit betroffenen Menschen. Sie führen zum »sozialen Tod« der Betroffenen, zu Entwürdigung und Entwurzelung. Zwangsarbeit und Sklavenhandel werden heute von international operierenden kriminellen Netzwerken organisiert. Solches Unrecht aufzudecken, zu verhindern und zu bekämpfen, gehört zu den großen Herausforderungen unserer Zeit.
 DIE NATIONALSOZIALISTISCHEN VERBRECHEN  und die Verstrickung von Institutionen und Bevölkerung in dieses Unrecht sind unser Erbe. In der Aufarbeitung des Geschehens geht es darum, den Betroffenen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Erinnerung, Begegnung und Versöhnung sind zentrale christliche Kategorien und gleichzeitig wichtige Schritte auf dem Weg des Zusammenwachsens in einem gemeinsamen Europa. Darüber hinaus kann das Bewusstsein darum, was Zwangsarbeit für die Opfer bedeutet, unsere Aufmerksamkeit für vergleichbares Unrecht heute schärfen.