IN DEN ERSTEN JAHREN NACH ENDE DES ZWEITEN WELTKRIEGS herrschte die Auffassung vor, katholische Kirche habe durchgängig Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet. Diese Position war nach wissenschaftlichen Untersuchungen zur NS Zeit in den 50er und 60er Jahre nicht mehr haltbar. Vielmehr mußte festgestellt werden, daß der aktiv geleistete Widerstand von einzelnen Katholiken wie von offiziellen Kirchenvertretern die Ausnahme darstellte. Die katholische Kirche muß sich vielmehr bis heute mit dem Vorwurf des »Institutionenegoismus« auseinandersetzten. KATHOLISCHE THEOLOGEN UND BISCHÖFE SAHEN 1933/34 IM NATIONALSOZIALISMUS EINE KRAFT, die die Nation in ihrem Sinn einigen und den von der Kirche verurteilten Liberalismus und Kommunismus zurückdrängen könne. Nach Abschluß des Reichskonkordates 1933 und kirchenfreundlichen Äußerungen Hitlers schwiegen die meisten Vertreter der katholischen Hierarchie zur Reichstags-Brandverordnung, zu den Euthanasiegesetzen und den Verfolgungen von SPD, Kommunisten und Gewerkschaftern genauso wie zum Holocaust der jüdischen Bevölkerung. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 betonten Bischöfe in Kanzelworten, daß die Kirche treu zur Staatsführung stehe und sich ihrer Verpflichtung stelle, mit der Waffe Heimat und Vaterland zu verteidigen. Man wollte sich nicht dem Vorwurf aussetzten, Katholiken mangele es an patriotischer Gesinnung. In diesem Sinne ist auch das Schweigen zum »Anschluß« des Saargebietes 1935, zur »Heimführung« Österreichs 1938 und zur Errichtung des Reichsprotektorates Böhmen und Mähren 1939 zu erklären. DIE HALTUNG VON KATHOLIKEN ZUM NATIONALSOZIALISMUS läßt sich graduell unterscheiden in Kategorien wie Täterschaft – Mittäterschaft – Mitläufertum – Kooperation – Anpassung – Selbstbehauptung – Resistenz – Abwehr – Protest – Opposition – Widerstand. Mit den Begriffen Selbstbehauptung und Resistenz läßt sich das Verhalten der Mehrheit am ehesten umschreiben. Die Öffentlichkeits- und Verbandsarbeit wurde in die Pfarreien zurückgezogen (»Pfarrstunden«), die Bistumsleitungen konzentrierten sich vermehrt auf das »Himmelreich« und nahmen häufig nur zu Seelsorgefragen der eigenen Kirchenmitglieder Stellung. Der aktive Einsatz für Juden bildete die Ausnahme, nur für getaufte Juden wurden im Untergrund Hilfsnetze aufgebaut. Durch interne »Codes« wie Sprachumdeutungen, Gebrauch signifikanter Bibelstellen, Formulierung neuer Kirchenliedtexte etc. hatte sich die innerkirchliche Öffentlichkeit ein System geschaffen, verschlüsselt Informationen zu übermitteln und kritisch-ablehnende Haltungen zu kommunizieren. Dieses Handeln läßt sich bildlich als »Rückzug in die Sakristei« kennzeichnen. Tendenzen der Kooperation mit Einrichtungen der NS lassen sich daran erkennen, daß in zahlreichen katholischen Zeitungen und Zeitschriften werbend auf das »Winterhilfswerk« hingewiesen und auch aktiv Sammlungen durchgeführt wurden. Zahlreiche katholische »Normalbürger« paßten sich im täglichen Umgang der Zeitlage an, hielten aber an der Ausübung ihrer Religion fest, z.B. durch die Teilnahme am Sonntagsgottesdienst, an Prozessionen und Wallfahrten. Der aus verschiedenen Motiven geleistete offene Widerstand bildete die Ausnahme. Exemplarisch stehen dafür der Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen, der sich 1941 erfolgreich gegen die Euthanasie aussprach und der Jesuitenpater Alfred Delp SJ, der 1945 wegen seiner unterstützenden Kontakte zum Kreisauer Kreis hingerichtet wurde. ZWISCHEN 1933 UND 1945 gerieten 12.000 Weltpriester im Deutschen Reich mit dem Regime in Konflikt. Reine Schikane, konstruierte Vergehen und ein versehentlicher oder absichtlicher Verstoß gegen die zahllosen Gesetze und Erlasse der Nationalsozialisten führten zu rund 38.000 Einzelmaßnahmen gegen Priester und Ordensleute: Verhöre, Strafprozesse, KZ-Einweisungen für mindestens 407 Priester bis hin zu Todesstrafen. 107 Priester starben im KZ, weitere 63 wurden an anderen Orten hingerichtet und ermordet. NACH 1945 stand die römisch-katholische Kirche als ein gesellschaftlicher Großverband da, der über eine funktionierende Organisation verfügte und zugleich als nicht politisch diskreditiert galt. Die Bischöfe zählten in allen Besatzungszonen als Autoritäten gegenüber den Alliierten und wurden in die ersten Neuordnungsmaßnahmen einbezogen. Einige Pfarrer übernahmen übergangsweise das Bürgermeisteramt, ehe die Besatzungsmacht ein offizielles Ernennungsverfahren in Kraft setzte. Pfarrer und Bischöfe waren im Rahmen der Entnazifizierungsverfahren gefragte Gutachter – und immer wieder wurde ihnen, häufig zu Unrecht, unterstellt, sie hätten gegen besseres Wissen »Persilscheine« ausgestellt.
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