Anna G. in ihrer Wohnung in Lodz (beim Besuch der Delegation aus Limburg)

Anna G. zeigte den Besuchern ein Foto, auf dem sie und andere Zwangsarbeiterinnen zusammen mit Hausoberin Gertrudis sowie einigen Ordensschwestern zu sehen sind.

ANNA G., LODZ
* MAI 1923, PODDEBICCE BEI LODZ

 BEVOR SIE 1943 NACH DEUTSCHLAND ABTRANSPORTIERT WURDE, hatte Anna G. schon einige Zeit als Hausmädchen bei einer deutsch-polnischen Familie in Lodz gearbeitet. In Deutschland wurde sie zunächst für zwei Monate in einer Marmeladenfabrik in Erbach (Rheingau) eingesetzt; von dort schickte das Arbeitsamt sie für vier Monate zu einem Bauern in Wiesbaden-Auringen. Danach folgten anderthalb Monate in einer Molkerei in Wiesbaden-Nordenstedt, bevor sie vom Arbeitsamt dem Josefshospital in Wiesbaden zugewiesen wurde.
 VON 7.00 BIS 20.00 UHR ARBEITETE ANNA G. nun in der Küche des Josefshospitals; jeden zweiten Sonntag und einen Nachmittag je Woche bekam sie arbeitsfrei. Untergebracht war sie zusammen mit vier oder fünf anderen Frauen in einem Zimmer auf dem Hospitalgelände. Im Gesprach mit den Besuchern aus Limburg erinnert sie sich an zwei Belgierinnen und die Ukrainerin Katharina. Katharina arbeitete im Waisenhaus der Dernbacher Schwestern, aber auch in der Wäscherei. Wie eine der Belgierinnen bekam auch Katharina in ihrer Zeit im Josefshospital ein Kind, einen Sohn namens Michael. Anna berichtet, dass diese Kinder im Waisenhaus der Dernbacher Schwestern lebten und versorgt wurden. Wenn SS-Männer oder andere Nazis ins Waisenhaus gekommen seien, hätten die Schwestern die Kinder der Zwangsarbeiterinnen als Kinder deutscher Eltern ausgegeben.
 GUTE ERINNERUNGEN verbindet Anna mit den Dernbacher Schwestern. Dem Besuch aus Limburg berichtet sie, an ihren freien Tagen sei sie mit ihnen unbehelligt und ohne Polen-Abzeichen durch Wiesbaden spaziert; die Schwestern hätten gesagt, sie würden dafür sorgen, dass ihnen nichts passiert. Auch an den Gottesdiensten der Schwestern habe sie teilnehmen dürfen, obwohl ihr bekannt war, dass dies von den Nazis verboten war. Anfangs habe es auch polnische Priester im Hospital gegeben, gebeichtet habe sie aber in Deutsch bei einem deutschen Priester. Das alles habe eine der älteren Ordensschwestern »organisiert«.
 BIS ZUM BOMBENANGRIFF vom 2. auf den 3. Februar 1945 sei das Josefshospital nicht beschädigt worden, dann habe es einen Volltreffer abbekommen. Dieser Bombenangriff ist in Anna G.'s Erinnerung noch sehr präsent. Schrecklich sei es gewesen, es habe viele Tote und Verletzte gegeben. Deutsche Soldaten hätten das Hospital notdürftig wieder hergerichtet, vor allem die OP-Räume, und man habe Notunterkünfte einrichten müssen.
 DIREKT NACH IHREM LETZTEN ARBEITSTAG sei sie 1945 in einem Güterzug über die Tschechoslowakei heim nach Lodz gebracht worden; das habe sechs Tage gedauert. Nach dem Krieg arbeitete Anna G. in Lodz einer Textilfabrik. In den 80er Jahren versuchte sie mit Hilfe des Roten Kreuzes, ihre Beschäftigungszeiten in Deutschland nachzuweisen. Nach langem Ringen habe sie einmal 2850 Zloty erhalten.
Seit sieben Jahren bekommt sie nun für ihre Zeit in Deutschland eine Zusatzrente von 140 Zloty. Für polnische Verhältnisse ist ihre Rente von insgesamt 1400 Zloty recht ordentlich.
Die Entschädigung der Deutschen Bischofskonferenz sei ihr von München direkt auf ihr Konto überwiesen worden.
 HEUTE LEBT ANNA G. IN EINEM PLATTENBAU in einem Vorort von Lodz. Ihr Mann, der einen Sohn mit in die Ehe brachte, starb 1996 an Krebs. Zu ihrem Stiefsohn und dem gehbehinderten Enkelsohn hat Anna G. ein gutes Verhältnis. Sorge macht ihr, dass alle nahen Anverwandten arbeitslos sind – wie viele Polen. Anna G. hat die Entschädigungssumme daher mit ihrem Stiefsohn und dessen Familie geteilt, auch von der Rente gibt sie ihm regelmäßig etwas ab.
 Menschenleben

Anna G.

Jan N.

Janina P.

Stanislawa A.

 »DIE SCHWESTERN HABEN UNS IMMER GUT BEHANDELT«,  so erinnert sich Anna G. heute. Zu einer Beinoperation sei sie 1946 nochmals nach Wiesbaden gereist, seither sei sie aber nie wieder in Deutschland gewesen. Eine Delegation aus Limburg, die sie 2004 aufsuchte, bewirtete sie in ihrer Wohnung mit Tee und Kuchen. Auf deren Einladung nach Limburg und Wiesbaden reagierte sie freundlich, sie wird es sich überlegen.
Anna G. ist die 13. von insgesamt 558 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern im Bistum Limburg, die lebend gefunden und entschädigt werden konnte.