STANISLAWA A., LODZ * 4. JANUAR 1923 IN BUDZISCHEWIZE, POLEN STANISLAWA A. IST 20 JAHRE ALT, als sie 1943 mit vielen anderen nach Deutschland verschleppt wird. Von denen, die mit ihr in Frankfurt a. M. ankommen, wird sie keinen einzigen je wiedersehen. Zunächst wird sie als Landarbeiterin zu einem Bauern in der Nähe von Dernbach geschickt. Doch schon nach zwei Wochen wird sie krank. Ihre Beine machen das lange, oft gebückte Stehen und Knien bei der Landarbeit nicht mit. So wird sie in das von den Dernbacher Schwestern geführte Herz-Jesu-Krankenhaus gebracht. Nach ihrer Genesung bleibt Stanislawa A. bei den Schwestern und arbeitet als Hausangestellte auf der Diphteriestation. Ihre Arbeitszeit von 7 bis 19 Uhr verbringt sie hauptsächlich mit Putzen, Waschen und Handreichungen für die Schwestern. Nach Abzug der Sozialabgaben und der Kosten für Unterkunft und Verpflegung verbleiben ihr 25 Reichsmark im Monat. IN DER BARACKE FÜR DIE AUSLÄNDISCHEN PATIENTEN teilt sie sich mit der Russin Marija, die sich um die Kranken kümmert, einen Raum mit Doppelstockbett und eigener kleiner Küche. Auch die anderen Fremdarbeiter leben in der Baracke. Die Verpflegung ist gut. Stanislawa A. erinnert sich: »Es gab immer Essen bis obenhin.« Die Schwestern ermöglichen es ihr, an den Gottesdiensten teilzunehmen; sie geht zur Beichte und zur heiligen Kommunion. ALS STANISLAWA A. AM 31. MÄRZ 1945 Dernbach in Richtung Polen verlässt, hat sie bereits ihren späteren Mann im Krankenhaus kennen gelernt. Bis sie über das Sammellager in Wetzlar am 25. November 1945 wieder zuhause in Lodz ankommt, hat sie seit 1943 sechs längere und kürzere Lageraufenthalte hinter sich. HEUTE LEBT STANISLAWA A. IN EINER WINZIGEN WOHNUNG in einem Mehrfamilienhaus in Lodz. Ihren Lebensunterhalt bestreitet sie von der bescheidenen Rente ihres Mannes, der bereits vor einigen Jahren verstorben ist. Fünf Jahre war er als Zwangsarbeiter in Deutschland beschäftigt, zuerst beim Autobahnbau, dann bei einem Schuster. Sie haben 3 Kinder, 6 Enkel und 2 Urenkel. Ihr ältester Sohn lebt schon nicht mehr. Dessen ältester Sohn muss nun die Familie mit fünf Kindern ernähren. An ihn hat sie deshalb fast die gesamten 5.000 DM weitergereicht, die ihr der Entschädigungsfonds ausgezahlt hat. Dieser gelebte Familienzusammenhalt beeindruckt die Gruppe aus dem Bistum Limburg, die im Mai 2002 zur Begegnung mit Stanislawa A. nach Lodz reist, sehr. ALS DIE ALTE DAME IM HERBST 2001 EINEN BRIEF VON SR. CHRISTETA von den Dernbacher Schwestern erhält, antwortet sie sofort. Sie freut sich, dass die Schwestern an sie gedacht haben. An einzelne von ihnen und an den Gärtner Franz kann sie sich noch gut erinnern. Die Schwestern hätten sie gut behandelt, so ihr Fazit. Doch jahrelang hat sich für diesen Teil ihrer Lebensgeschichte niemand interessiert. Daran, dass sie doch einmal eine Entschädigung erhalten würde, hat sie nicht geglaubt.
|