Jan, auf der Radkappe »seines« Traktors sitzend: Dieses ist das einzige Foto, das Jan N. aus seiner Zeit in Montabaur geblieben ist. Fotografieren der Fremdarbeiter war offiziell verboten. (Foto: Jan N.; Reproduktion: R. Grölz)

Besuch aus dem Bistum Limburg bei Jan N. im Frühjahr 2002. Der ehemalige Zwangsarbeiter hat der Gruppe eine Menge zu erzählen. Auf der Grundlage seiner Hinweise konnten die Rechercheunterlagen korrigiert werden. (Foto: R. Grölz)

JAN N.
* 3. OKTOBER 1926 IN WOLKA ZABLOKA KOLONIA, POLEN

 JAN N. IST MIT EINEM FREUND IN SEINEM HEIMATORT unterwegs, als sie von deutschen Polizisten aufgegriffen und gefangen genommen werden. Ehe sie recht wissen, wie ihnen geschieht, hat man sie nach Lublin und in Festungshaft gebracht. »Geschnappt und weg!«, erinnert sich Jan N. Er ist erst 17 Jahre alt.      
 IN LUBLIN wird ein Transport nach Deutschland zusammengestellt. Unterwegs halten sie oft an. Menschen werden aus den Waggons geholt und verteilt. Jan N. gelangt schließlich nach Montabaur, wo er der Ordensgemeinschaft der Barmherzigen Brüder zugeteilt wird. Dort aufgefundene Unterlagen weisen seine Beschäftigung ab dem 13. April 1943 nach. Seine Aufgabe ist es, mit einem Fuhrwerk mit großen Fässern in den umliegenden Ortschaften Küchenabfälle einzusammeln und an die Tiere zu verfüttern, die zur klostereigenen Landwirtschaft gehören. Besonders um die Pferde kümmert er sich.
 JANS BRÜDER BOLESLAW UND WLADISLAW werden auch zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Durch Briefe bleiben sie in Kontakt. In Br. Daniel, der selbst aus der Gegend um Posen stammt und mit ihm Polnisch spricht, findet Jan N. einen freundschaftlichen Betreuer. Wann immer neue Transporte in Montabaur eintreffen, steht Br. Daniel am Bahnhof und fragt nach Familienangehörigen von Jan. So gelingt es ihm schließlich, die drei wieder zusammenzuführen. Bolek (Boleslaw) arbeitet mit Jan bei den Barmherzigen Brüdern. Wladislaw ist schon seit 1940 in Deutschland. Er kommt nur wenige Kilometer entfernt zu einem Bauern.
 NOCH VIER WEITERE FREMDARBEITER leben mit ihnen im Kloster der Barmherzigen Brüder. Jan und Bolek teilen sich ein Zimmer mit Ofen. Jeden Freitag gehen sie zum Baden in das zum Kloster gehörende Krankenhaus. Die Barmherzigen Brüder kochen für alle, gut und reichlich. Gemeinsame Mahlzeiten gibt es nicht, aber früh um fünf feiern sie mit den Brüdern, den während des Krieges nach Montabaur evakuierten Ordensschwestern und den übrigen Arbeitern Gottesdienst in der Klosterkapelle – obwohl gemeinsamer Gottesdienstbesuch streng verboten ist. An Sonn- und Feiertagen haben sie frei. Dann verbringen sie ihre Zeit mit Spaziergängen und Kartenspiel. Sie bekommen 17 Reichsmark im Monat ausbezahlt. »Aber kaufen konnte ich nichts. Mein Geld ist oft beim Kartenspiel draufgegangen.« Weil Jan N. erst 17 ist, bekommt er nicht wie die andern zu seinem Lohn ein Päckchen Zigaretten. Doch das ist halb so schlimm, denn »wir haben versteckt Tabak angepflanzt«.
 UNANGEKÜNDIGT FÜHRT DIE SA Kontrollen durch. Es wird überprüft, ob die Zimmer sauber und ordentlich sind, fleißig gearbeitet wird und ob kein Fremdarbeiter verbotenerweise das Gelände verlässt. »Es sind einige weggekommen«, sagt Jan N. Als sich die SA beschwert, dass die Zwangsarbeiter das gleiche Essen erhalten wie die Brüder, antworten diese: »Wer gut arbeitet, muss auch gut essen.«
 SEIN HEIMWEG 1945 führt über das Sammellager Wetzlar. Von dort wird er über Tschechien nach Polen zurückgeschickt. Vor der Einreise wird er verhört.   
Zurück in Polen, lernt er seine spätere Frau Ludwika kennen. Ihre Familie floh aus Litauen, als die Front vorrückte. Den Krieg überstanden sie unbeschadet. Doch ihr Versuch, in die USA auszuwandern, scheitert. Bei Köln werden sie aufgegriffen und zurückgeschickt. Die beiden heiraten bald, so muss Jan N. nicht zum Militär. Sie leben auf dem kleinen Hof nahe der Grenze zu Weißrussland, den Ludwika als einzige Tochter mit in die Ehe bringt. Dort ist Jan N., mittlerweile seit zwölf Jahren Witwer, noch immer zuhause. Er lebt von einer kargen Rente. Das Geld, das er jetzt aus Deutschland erhalten hat, kann er gut gebrauchen. Es steht ihm zu.
 ZUM HAUS GEHÖREN ZEHN HEKTAR LAND und ein eigener Wald. Früher gab es drei bis vier Pferde und sechs Kühe. Heute hat er noch einige Katzen. Bewirtschaften kann er den Hof nicht mehr. Keines seiner drei Kinder arbeitet in Landwirtschaft. Die Zeiten für kleine Bauern sind auch in Ostpolen schlecht. »Ich weiß nicht, was aus allem werden wird. Aber das schlimmste ist, dass ich alleine bin.«
 Menschenleben

Anna G.

Jan N.

Janina P.

Stanislawa A.

  »ICH FREUE MICH, DASS IHR AN MICH DENKT«,  sagt er im Mai 2002 der kleinen Besuchergruppe aus dem Bistum Limburg. Auf die Eingangsfrage, ob ihm der Besuch überhaupt recht sei, ruft er aus: »Was soll die Frage, ihr seid doch Katholiken!« Im Rückblick auf die Kriegsjahre sagt er: »Vielen Zwangsarbeitern ist es sehr schlimm ergangen. Vor allem, wenn sie an ›Hitlerofczyks‹ gerieten.« Und er fügt hinzu: »Aber bei den Brüdern war es der Himmel.«
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Besuch von Jan N. in Limburg (174 kB)

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Sonntag Aktuell 23.11.03 (2 Artikel) (417 kB)