Janina P. (Foto: B.Wieland)

Frauen wurden bevorzugt in der Land- oder Hauswirtschaft eingesetzt.
(Foto: Berliner Geschichtswerkstatt)

JANINA P.
* 23. MAI 1928 IN SMORDWA, POLEN (HEUTE UKRAINE)

 JANINA P. ERINNERT SICH: Eines Morgens werden die Einwohner ihres ostpolnischen Heimatdorfes von bewaffneten Deutschen auf dem Dorfplatz zusammengetrieben. In Güterwaggons beginnt die Reise ins Ungewisse. Die 15-Jährige, zwei Schwestern, ihre Mutter und der Großvater dürfen nur mitnehmen, was sie am Leib tragen. Die erste Station heißt Majdanek, nach Auschwitz das zweitgrößte Konzentrationslager der Nazis. Dort stirbt die ältere ihrer beiden Schwestern.
 WEITER GEHT ES NACH DEUTSCHLAND. Über ein Durchgangslager in Kelsterbach bei Frankfurt gelangt die Familie nach Limburg. Am Bahnhof stehen die ortsansässigen Bauern bereit, beschauen die Ankommenden und suchen sich »ihre« Zwangsarbeiter aus. Die Familie wird getrennt. Janina kommt alleine nach Dauborn. Alle müssen schwer arbeiten, besonders die Mutter, damit auch die sechsjährige Schwester überlebt. Außer Unterkunft und Essen erhalten sie keinen Lohn.
 »DU BIST ZWAR NOCH EIN SCHULMÄDCHEN, aber arbeiten kannst du wie eine Alte«, sagt die Bauersfrau zu Janina.
 ALS IHRE MUTTER KRANK WIRD und nach Limburg ins Krankenhaus muss, darf Janina sie begleiten. Sie kommen ins Hilfskrankenhaus im Missionshaus der Pallottiner. Dort pflegt Janina ihre Mutter. Kranke Zwangsarbeiter dürfen nicht von Deutschen gepflegt und nicht mit deutschen Patienten gemeinsam behandelt werden. Untergebracht sind sie neben dem Krankenhaus in einem Barackenlager für Fremdarbeiter, das voller Kakerlaken und Ungeziefer ist. Das Mädchen muss Hilfsdienste verrichten, vor allem Waschen und Putzen. Nach einiger Zeit ziehen sie ins Hauptgebäude um. Das Gelände dürfen sie nicht verlassen, auch nicht, um ihre Verwandten – die jüngste Schwester ist bei ihrem Großvater – zu besuchen. Zu den Pallottinern, die zu Krankenbesuchen ins Hilfskrankenhaus kommen, besteht kein Kontakt.
 DIE ÄRZTE IN POLEN bestätigen später, dass die Operation der deutschen Ärzte in Koblenz Janinas krebskranker Mutter das Leben gerettet hat. Sie kann so den Krieg noch 15 Jahre überleben.            
 NACHDEM DIE AMERIKANER LIMBURG ERREICHEN, werden die Zwangsarbeiter zunächst in Sammellagern zusammengeführt, um sie dann in Richtung Heimat zu transportieren. Janina und ihre Familie gelangen über Niederlahnstein nach Wetzlar. Dort begegnet sie Piotr: »Er war auch Zwangsarbeiter, vier Jahre lang hat er im Rüstungsbetrieb Henschel in Kassel geschuftet.« Noch im Lager werden die beiden von einem polnischen Geistlichen getraut. Die junge Frau ist gerade 19, als ihr erstes Kind geboren wird. In ihre alte Heimat können sie nicht zurückkehren, da diese mittlerweile zur Ukraine gehört.
 HEUTE LEBT JANINA P. in einer kleinen Wohnung in einem Wohnblock in Lubin, wohin sie nach dem Krieg geschickt wurden. Sie hat 3 Söhne, 7 Enkel und 3 Urenkel und lebt von der kleinen Rente ihres Mannes Piotr, der im Januar 2001 verstarb. Weil Piotr aus seiner Zeit als Zwangsarbeiter eine schwere Handverletzung mitbrachte, konnte er keine gut bezahlte Arbeit finden.            
 GEMEINSAM MIT IHREM MANN bemüht sie sich jahrelang um Anerkennung als Zwangsarbeiterin und um Entschädigung. Doch sie können keine Dokumente vorweisen. Als sich unverhofft der Entschädigungsfonds der Katholischen Kirche bei ihr meldet und Geld eintrifft, geht ihr Herz vor Aufregung so schnell, dass sie Beruhigungstropfen einnehmen muss. Sie sagt: »Aus Dank habe ich für die Gesundheit aller gebetet.«
 Menschenleben

Anna G.

Jan N.

Janina P.

Stanislawa A.

 »MIT EINER ENTSCHÄDIGUNG HABE ICH NICHT GERECHNET«,  sagt Janina P., als eine Gruppe aus dem Bistum Limburg sie im Mai 2002 aufsucht. Über den Besuch freut sich die heute 74-Jährige sehr. Im Rückblick auf die Zeit in Deutschland ist sie nicht verbittert. Wenn es ihre Gesundheit zulässt, möchte sie die Einladung annehmen und Limburg bald besuchen. Aber zuerst will sie zum Grab ihres Mannes gehen und ihm erzählen, was er nun nicht mehr miterleben kann.      
 EIN COUSIN VON PIOTR P. BLIEB NACH DEM KRIEG IN NÜRNBERG.  1980 können Janina und Piotr P. zum ersten Mal dorthin reisen und ihr Patenkind besuchen. Auch nach der Wende ist Janina P. nun schon mehrfach in Deutschland gewesen. Das Deutschland, das ihr dort begegnet, gefällt ihr gut.