ETWA 11,3 MILLIONEN »DISPLACED PERSONS« (DPs) befanden sich im Frühjahr 1945 in Deutschland. Unter diesem Begriff wurden ehemalige Kriegsgefangene, Zivil- und andere Fremdarbeiter, KZ-Häftlinge, aber auch Soldaten der Wlassow-Armee und mit der Wehrmacht geflohene Kollaborateure zusammengefasst, ungeachtet ihrer jeweiligen individuellen Situation und Nationalität. Ziel der Alliierten war die baldestmögliche Rückführung – »Repatriierung« gemäß des im Februar 1945 unterzeichneten Geheimabkommens von Jalta – dieser Menschen in ihre Heimatländer. Angesichts ihrer unerwartet hohen Zahl – die alliierten Militärbehörden hatten nur mit etwa halb so vielen Personen gerechnet – erwies sich dies aber als schwierig, zumal praktisch in jedem Dorf einzelne Zwangsarbeiter zu finden waren. Vor allem viele »Westarbeiter« machten sich deshalb auf eigene Faust auf die Heimreise. VEREINZELT KAM ES ZU RACHEAKTEN ehemaliger Zwangsarbeiter gegen Deutsche. Auch bildeten sich Banden, die plündernd durch die Orte zogen. Diese Taten trafen bei den alliierten Offizieren auf wenig Verständnis und wurden streng geahndet. Vielen Deutschen dienten sie jedoch als nachträgliche Rechtfertigung der schlechten Behandlung vor allem der Polen und »Ostarbeiter«. Dabei war die Kriminalität in diesen Gruppen statistisch keineswegs höher als bei Deutschen – sie wurde aber anders wahrgenommen (vgl. Herbert, Fremdarbeiter, 1999, S. 397f.). DAS ABGESCHLOSSENE UND EINGESCHRÄNKTE LEBEN IM LAGER ging für viele ehemalige Zwangsarbeiter auch nach Ende des Krieges weiter. In allen Besatzungszonen richteten die Alliierten Sammellager, auch DP-Lager genannt, ein, um die »Repatriierung« zu organisieren. Häufig wurden dafür die Anlagen der bisherigen Kriegsgefangenen-Stammlager (Stalags) und Zivilarbeiterlager genutzt. Hier verbrachten die Menschen oft viele weitere Monate, manche sogar Jahre bis zu ihrer Heimreise. Doch auch bei der Ankunft in ihren Herkunftsländern kamen viele der ehemaligen Zwangsarbeiter, insbesondere diejenigen aus Ost- und Mitteleuropa, zunächst in Auffanglager. FÜR VIELE GAB ES KEINE RÜCKKEHR in ihre Heimatorte. Durch den Krieg waren die Grenzen in Europa neu gezogen und die politische Macht neu verteilt worden. Ehemals unabhängige Staaten wie Polen, die Tschechoslowakei und die baltischen Staaten mussten Teile ihres Staatsgebiets an die UdSSR abtreten oder wurden zur Gänze Teil der UdSSR. Ukrainer, Weißrussen, Deutsche mussten Polen verlassen, Polen aus Ost-Galizien und Wolhynien – den östlichen Provinzen Polens, die von der UdSSR annektiert worden waren – wurden nach Schlesien, Ostpreußen und Ostpommern – den vormals deutschen Westen des Landes – zwangsumgesiedelt. SCHRECKLICHE NACHRICHTEN drangen aus den Sowjetrepubliken in die DP-Lager. 1942 hatte Stalin alle »Ostarbeiter« und sowjetischen Kriegsgefangenen zu Vaterlandsverrätern erklärt. Unzählige wurden bei ihrer Einreise an der Grenze abgefangen und direkt in Arbeitslager gebracht. Viele wollten daher gar nicht zurück und leisteten erbitterten Widerstand gegen ihre »Repatriierung«. Manche nahmen sich aus Verzweiflung das Leben. DIE AUSWANDERUNG IN WESTLICHE LÄNDER gelang nur wenigen. Erst als hohe Militärs in den Westzonen – weil auch sie von den Verbrechen an den Heimkehrenden wussten – unter Bruch der Vereinbarungen zur »Repatriierung« dazu übergingen, keine DPs mehr in die von der Sowjetunion kontrollierten Gebiete zu schicken, besserte sich die Lage. Die IRO (International Refugee Organization/Internationale Flüchtlingsorganisation) schließlich, die ab Sommer 1947 für die Versorgung und Betreuung der »heimatlosen Ausländer« zuständig war, betrieb die gezielte Auswanderung der in den Westzonen verbliebenen DPs. VERRAT UND KOLLABORATION waren die Vorwürfe, denen sich die heimkehrenden Zwangsarbeiter in fast allen Ländern ausgesetzt sahen. Vielerorts begegneten ihnen Verachtung, Vorbehalt und Diskriminierung; staatliche Anerkennung und Hilfe blieben ihnen verwehrt. Ihre seelischen Wunden konnten unter diesen Umständen oft nicht verheilen. Viele wagten es nicht, über ihre Zeit in Deutschland zu sprechen. Das Schweigen reichte bis in nachbarschaftliche und freundschaftliche Beziehungen hinein. Selbst engste Familienangehörige wussten häufig nichts von dem, was ihren Verwandten in der Kriegszeit widerfahren war.
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